EVAN HANSEN HP 0625 Matthias Jung Kopie | MUSICAL TODAY

Dear Evan Hansen

Verloren im eigenen Narrativ

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Venue
Junges Theater Bonn & Theater Bonn
by
Benj Pasek und Justin Paul (Musik und Liedtexte)
Steven Levenson (Buch)
Nina Schneider (Deutsche Fassung)
Direction
Bernard Niemeyer
UraufführunG
2015

„Dear Evan Hansen“ wird zum Spiegel für sein Publikum

Das Junge Theater Bonn bringt „Dear Evan Hansen“ von Benj Pasek, Justin Paul und Steven Levenson als Kooperationsprojekt mit dem Theater Bonn auf die Bühne. Nach dem Gastspiel aus Gmunden in Fürth vor zwei Jahren ist diese Inszenierung die erste in Deutschland produzierte Fassung des 2015 in Washington uraufgeführten Stücks. Hier stehen junge Erwachsene gemeinsam mit Profis auf der Bühne und erzählen die Geschichte in wechselnder Abendbesetzung.

Evan leidet an einer Sozialphobie und wird in der Schule gemobbt. Als er nach dem Selbstmord eines Mitschülers durch ein Missverständnis gesteigertes Interesse durch sein Umfeld erfährt, kann er der Versuchung nicht widerstehen, diese Lüge weiterzuspinnen. Evan gewinnt an Ansehen, verliert sich aber gleichzeitig in zunehmender innerer Zerrissenheit.

Die Inszenierung von Bernard Niemeyer setzt auf optische Reduktion, sodass die Konzentration auf den Figuren und ihren Bewältigungsstrategien im Umgang mit dem Thema Suizid liegt. Mit der zunehmenden Enttabuisierung von Themen rund um psychische Gesundheit und Krankheit sowie der überproportionalen Relevanz von Social Media rückt die Story in den Mittelpunkt der Gesellschaft. Ein wenig Evan Hansen scheint in nahezu jedem von uns zu stecken.

Martin Wald verleiht seinem Evan emotionale Tiefe und zeichnet glaubhaft den noch unsteten Charakter mit all seinen Nöten und Wünschen. Laszlo Helbling zeichnet Evans Schulkameraden Connor, der sich umbringt, mit beeindruckender Wandlungsfähigkeit: Im realen Leben noch düster, in Evans Fantasie mit viel Witz und Charme stellt Helbling eigentlich zwei völlig unterschiedliche Charaktere unter dem gleichen Namen dar und zeigt dadurch die Fragilität von Evans scheinbar wachsendem Selbstwertgefühl auf.

Szenenfotos teils mit der alternierenden Besetzung

Jede der jugendlichen Figuren scheint ihre eigene Bewältigungsstrategie für Connors Tod zu haben: Clélia Oemus verbirgt hinter Zoes anfänglicher Coolness etwas tief Verletzliches, das sie erst sukzessive preisgibt. Ahmed El Kohly nimmt durch seine humorige Darstellung Jareds dem Drama die Schwere, zeigt aber gleichzeitig die Unsicherheit der Figur auf. Annika Schneider wirkt als Alana zickig und kühl, drückt aber letztlich so die Überforderung des Mädchens aus. Nina Janke zeichnet Evans Mutter Heidi mit großer Leidenschaft und besticht etwa in „So groß, so klein“ mit ihrem Klangvolumen, dem die Tontechnik jedoch nicht immer gerecht wird. Axel Becker wirkt in seiner authentischen Darstellung des linkischen Familienvaters Larry Murphy neben der bewusst überzeichneten Rolle seiner Partnerin Cynthia, gespielt von Anja von der Lieth, etwas blass.

Die Musiker sind sichtbar im Hintergrund der Bühne platziert und wirken gleichzeitig wie Zeugen des Geschehens. Das sechsköpfige Ensemble spielt unter Leitung von Ekaterina Klewitz die popmusikalisch geprägte Partitur mit Lebendigkeit auf.

In der Mitte des Bühnenbildes von Mara Lena Schönborn befindet sich das Abbild eines Baums. Eine Wendeltreppe ermöglicht den Aufstieg auf verschiedene Ebenen, die auch gleichzeitig bespielt werden: Die Parallelführung verschiedener Szenen kommt vor allem bei dem Song „Requiem“ zum Tragen, da hier jedes Mitglied der Familie Murphy in einem anderen Raum mit der Trauer um Connor einsam zurückbleibt. Ein besonderer Clou des Bühnenbilds sind zwei an den Bühnenrändern installierte Bildschirme, die parallel zum Bühnengeschehen den Druck der Sozialen Medien abbilden.

Die Kostüme von Katharina Savvides sind von zeitgenössischer Alltagsmode geprägt, sie unterstreichen die Individualität der Figuren. Larissa Fühners Choreografien wirken verbindend und trennend zugleich. Evan scheint nie ins Bild zu passen: Er läuft neben der jeweiligen Tanzgeschichte her und wirkt bemüht, mitzukommen – wofür es jedoch keinen Raum gibt.

Die Bonner Inszenierung von „Dear Evan Hansen“ gibt Anstöße zur Selbstreflexion im Umgang mit psychischen Belastungen – eine wichtige und gesellschaftsrelevante Produktion.


Musikalische Leitung: Ekaterina Klewitz • Regie: Bernard Niemeyer • Choreografie: Larissa Fühner • Bühne: Mara Lena Schönborn • Kostüme: Katharina Savvides • Mit: Martin Wald (Evan Hansen), Laszlo Helbling (Connor Murphy), Clélia Oemus (Zoe Murphy), Ahmed El Kholy (Jared Kleinman), Annika Schneider (Alana Beck), Nina Janke (Heidi Hansen), Anja von der Lieth (Cynthia Murphy), Axel Becker (Larry Murphy) u.a.

Aufmacherfoto: Matthias Jung

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