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2026 05 20 Reeperwahn 1780 | MUSICAL TODAY

ReeperWahn – Ein Musical

Verbrechen lohnt sich doch

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Venue
Freilichtbühne Coesfeld
by
Mario Stefan Becher (Musik)
Oliver Pauli (Buch und Liedtexte)
Direction
Oliver Pauli
World premiere
2026

Uraufführung der morbiden Klamotte „ReeperWahn“

Eine „Welturaufführung“ mag für eine Amateurgruppe ungewöhnlich sein, erst recht, wenn sie sich auf Musicals spezialisiert hat. Für die Freilichtbühne Coesfeld ist „ReeperWahn“ bereits die siebte, so begeistert sind einige Autoren und Komponisten vom hohen Niveau und dem Engagement des münsterländischen Open-Air-Theaters, dessen Inszenierungen stets von Profis geleitet werden.

Der neueste Wurf hat jedoch eine besondere Geschichte hinter sich: Es gibt bereits eine frühere Version von „ReeperWahn“, allerdings ausschließlich als Hörspiel, in voller Länge eingespielt und eingesungen von Vollprofis. Einer ihrer geistigen Väter ist Oliver Pauli, der in Coesfeld bereits vor zwei Jahren Regie bei „Sister Act“ führte und später die offizielle Uraufführung an die Bühne herantrug – diesmal zwar von Laien gespielt, dafür aber mit Bühne, Kulisse, Kostümen, Chor und Tanz.

Wer sich das komplette Werk in seiner ursprünglichen Fassung auf einem der gängigen Streaming-Portale anhört, merkt nur marginale Unterschiede: Für das 23-köpfige Ensemble wurden Chorsätze geschaffen und außerdem eine großartige Nebenfigur kreiert, eine Paraderolle für das Coesfelder Urgestein Juliane Tenkamp.

Worum geht es genau in dem Stück, das Pauli – nomen est omen – im Hamburger Stadtteil St. Pauli, genauer gesagt in der Redaktion eines Schmuddelblättchens, ansiedelt? Die Prämisse des auf einem Roman der Autorin Steffi von Wolff basierenden Stoffs wirkt sehr vertraut: Einige Frauen verbünden sich gegen ihren despotischen Chef und wollen ihn umbringen. So beginnt auch Dolly Partons „Nine to Five“, das hier in der Spielzeit 2018 gegeben wurde. Allerdings nimmt das Ganze diesmal eine komplett andere Wendung. Und ganz sicher eine andere als in der Realität, denn als Inspiration dienten der Autorin eigene Erfahrungen.

Man kommt leider nicht umhin zu spoilern, will man erklären, warum das Stück so ist, wie es ist. „ReeperWahn“ ist eine morbide Klamotte: knallbunt, großartige Pointen stehen alten Flachwitzen gegenüber. Die Figuren sind eindimensionale Stereotypen, die Handlung ist unrealistisch und teils unlogisch. Aus all diesen Gründen kann sie nur grenzenlos überzogen als groteske Farce aufgeführt werden. Das Hörspiel erinnert diesbezüglich in Ton und Tempo sogar an Radio-Comedys. Vor allem aber läuft niemand Gefahr, die Moral des Stücks ernst zu nehmen, die da lautet: Du bist dann eine starke, emanzipierte Frau, wenn Du alle Kerle abmurkst, die Dir querkommen. Ja, es gibt Tote, gleich mehrere, und nicht alle sind Bösewichte. Demgegenüber sind ausgerechnet die Auftragskiller Sympathiefiguren. Der Wahnsinn beginnt schon beim Haustier der Protagonistin, einem Krokodil, auf der Bühne eine Puppe aus Kopf, Schwanz und der Spielerin als Mittelteil. Und gipfelt in einer Choreografie, die einen LED-Fiebertraum darstellt, samt tanzender Kakerlaken und Dinosaurier.

In nahezu jedem Jahr entdeckt man mindestens ein Talent in Coesfeld, das von seinen Fähigkeiten her schlicht nicht mehr als Laie durchgeht. Diesmal geht diese Auszeichnung an Hannah Möllenkotte. Woher die zarte junge Frau diese Stimme holt, ist ein Mysterium. Ihr Solo ist der Showstopper schlechthin, der Applaus will gar nicht enden. Das lustigste Solo liefert Sabrina Bernemann als verklemmte Jungfer, die im operettenhaften Dreivierteltakt von dem Einzigen schwärmt, das sie sexuell erregt: die Werke Thomas Manns. Die großartigste schauspielerische Leistung gelingt der unfassbar komischen und präsenten Andrea Stog als hysterischem Fünftel des mörderischen Quintetts.

Mario Stefan Bechers Musik ist eingängig und mehrheitlich fetzig. Harry Behlau hat ein Bühnenbild aus sehenswerten Graffiti und mit gleich zwei Drehbühnen geschaffen. Oliver Pauli inszeniert nicht ganz so straff wie im Hörspiel, aber zwischendurch mal runterzukommen ist nicht verkehrt. Ein „Sankt“ wie seinem Handlungsort steht seinem Namen zwar nicht voran, nach dieser Saison wird er in Coesfeld aber sicherlich heiliggesprochen.


Musikalische Leitung: Oliver Haug • Regie: Oliver Pauli • Choreografie: Thomas Kolczewski • Ausstattung: Harry Behlau • Stimmbildung: Julie Klos • Mit: Doreen Hellenkamp (Gerlinde Fuchs), Sabrina Bernemann (Heidi Schwefel), Katharina Herrmann (Brigittchen van Helsing), Hannah Möllenkotte (Peggy Stillhagen), Andrea Stog (Liesel Fricke), Sebastian Böhm (Oscar de la Porta), Ole Fründ (Hauke), Manfred Efsing (Herbert Loose), Lukas Schneider (Giselher), Juliane Tenkamp (Hetty Loose), Gero Wissen (Wulf Kümmel), Chris Ewerlein (Hubert Möller), Nadine Mensing (Krokodil Heinrich), Philipp Brockhoff (Volker/Giorgio Simader), Lea-Luisa Klein (TV-Moderatorin), Jula Pollmann (Claudia), Burkhard Roling (Dietmar Fricke) u.a.

Aufmacherfoto: Kirstin Laukamp

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