
Bernsteins „On the Town“ präzise und elegant getimt
Die Abschlussarbeiten des Studiengangs Musical an der Folkwang Universität der Künste waren schon immer eine Reise nach Essen wert. Aber seitdem die Hochschule vor sechs Jahren eine Kooperation mit dem Theater und Konzerthaus Solingen eingegangen ist, haben sich die alljährlichen Vorführungen in Solingen, Leverkusen und Remscheid zu einem regelrechten Geheimtipp in der Musicalszene entwickelt. Zumal man bei der Stückauswahl nicht auf die „üblichen Verdächtigen“ setzt, sondern hierzulande selten aufgeführte Musicals wie Stephen Sondheims „Das Lächeln einer Sommernacht“ und Rodgers & Hammersteins „Carousel“ auswählt.
In diesem Jahr will es der Zufall, dass im 50 km entfernten Duisburg ebenfalls Leonard Bernsteins erstes Musical „On the Town“ (nach dem Ballett „Fancy Free“ von Jerome Robbins und Bernstein) auf dem Spielplan steht. So ergibt sich die Möglichkeit, die aufwändige Produktion eines Opernhauses mit der Inszenierung einer „kleinen“ Tourneetheater-Bühne zu vergleichen. Um dann festzustellen, dass man zwei beglückende Abende mit zwei außergewöhnlichen, innovativen Interpretationen erleben konnte.
Das erste Ausrufezeichen in Solingen setzen die 53 Musiker der Bergischen Symphoniker, die unter dem einfühlsamen Dirigat von Stephan Kanyar Bernsteins jazzig-symphonische Partitur dermaßen authentisch aus dem Orchestergraben erklingen lassen, dass man gleich mitgerissen wird vom flirrenden Sound der Metropole New York im Jahr 1944 und eintaucht in die Abenteuer unserer drei Matrosen auf ihrem 24-stündigen Landurlaub. Ehe sie in den Krieg gen Europa ziehen, wollen Gabey (Jan-Marten Gerve), Chip (Tamino Herzog) und Ozzie (Leonard Linzer) noch einmal so richtig auf den Putz hauen und womöglich jeder ein Mädchen kennenlernen. Gabey verliebt sich in das Plakat-Konterfei der „Miss U-Bahn Juni“ und bittet seine Freunde, ihm bei der Suche nach eben dieser Ivy Smith (Marie Ploner) zu helfen. Getrennt macht man sich auf die Suche nach der Traumfrau. Chip trifft dabei auf die mannstolle Taxifahrerin Hildy (Christina Verrieth), die ihn sofort zu sich nach Hause abschleppt. Und Ozzie lernt im Naturwissenschaftlichen Museum die Anthropologin Claire (Alina Adam) kennen, die kurz vor der Verlobung mit dem viel älteren Anwalt Pitkin W. Bridgework (Martin Planz) steht. Gabey wird schließlich selbst in der Carnegie Hall fündig, wo Ivy bei der schrulligen Gesangslehrerin Madame Dilly (Vera Bolten) Unterricht nimmt. Doch ehe die Deckel so richtig auf den Töpfen sitzen, gilt es noch einige Irrungen und Wirrungen durchzustehen …
Gil Mehmert beweist wieder einmal, dass er einer der großen Musicalregisseure im deutschsprachigen Raum ist. Seine präzise Schauspieler-Führung und sein Timing lassen Spiel, Tanz und Gesang elegant verschmelzen. Im Einklang mit den einfallsreichen Choreografien seines Dozenten-Kollegen Andrew Chadwick – der auch zwei Rollen übernimmt – fließt die Inszenierung so mit einer geradezu filmisch wirkenden Leichtigkeit dahin.
Die Aufführung, an der zwölf Studierende des von Mehmert geleiteten Folkwang-Studiengangs mitwirken, zeigt eindrücklich, dass man in Essen Wert auf eine fundierte Ausbildung sowohl in Gesang wie auch Tanz und Schauspiel legt. Und so formt sich das Folkwang-Ensemble (Tim Weidemann, Isabella Kanini Fischer, Jerome-Joseph Clemons, Jeremy Allen, Anna Elisa Abt, Jeonghun Kim, Lucia Prader-Pscheidl), um die herausragenden Darsteller der drei Pärchen zu einer überzeugenden Einheit. Eine von ihnen – Lucia Prader-Pscheidl als Hildys etwas verpeilte Freundin Lucy – darf noch ihr komisches Talent zeigen. Genauso wie Martin Planz, Vera Bolten und Clara Ribant (als zeternde alte Dame) – allesamt etablierte Musicaldarsteller, die ihre Auftritte mit komödiantischen Kabinettstückchen würzen.
Musikalische Leitung: Stephan Kanyar • Regie: Gil Mehmert • Associate Director: Till Kleine-Möller • Choreografie: Andrew Chadwick • Ausstattung: Britta Tönne • Videodesign: FuFu Fraunwahl und Simon Engels • Mit: Jan-Marten Gerve (Gabey), Tamino Herzog (Chip), Leonard Linzer (Ozzie), Marie Ploner (Ivy Smith), Christina Verrieth (Hildy Esterhazy), Alina Adam (Claire de Loone), Lucia Prader-Pscheidl (Lucy Schmeeler/Diana Dream), Vera Bolten (Madame Dilly), Martin Planz (Pitkin W. Bridgework), Jeremy Allen (Prof. Figment/Kellner), Isabella Kanini Fischer (Flossie/Showgirl), Anna Elisa Abt (Freundin/Showgirl), Clara Ribant (Ältere Dame/Showgirl), Tim Weidemann (Polizist/Francesco/Rajah Bimmy), Jerome-Joseph Clemons (Conférencier/Plakatierer/Andy), Andrew Chadwick (Mr. S. Uperman/Sailor Tom), Jeonghun Kim (1. Arbeiter/Polizist) • Theaterchor Solingen • Bergische Symphoniker
Aufmacherfoto: Elisa Jasse




