
„Footloose“ bringt die 80er zurück
Die Geschichte vom jungen Rebellen Ren, der eine bigotte Kleinstadt aufmischt, gehörte zur großen Tanzfilm-Welle der 1980er Jahre. In der Nachfolge von „Saturday Night Fever“ begann damals das Kino wieder zu tanzen – Disco, Ballroom, Jazzdance oder sogar Ballett. Genau wie „Fame“, „Flashdance“ und „Dirty Dancing“ wurde auch „Footloose“ später für die Musicalbühne adaptiert, steht aber im deutschsprachigen Raum relativ selten auf dem Spielplan. Die Musical Academy Tübingen, eine aus Amateuren, Semiprofis und Profis bunt gemischte und bestens aufeinander eingespielte Truppe, setzt gleich mit der Eröffnungsnummer den Gradmesser für den Abend: Ein 20-köpfiges Ensemble rockt singend und tanzend den Titelsong auf die Bühne.
Fast noch besser sind sie als Schauspieler – Regisseur Silvester Keller hat das Musical sensibel und mit trockenem Witz inszeniert. Das Timing wirkt durchweg locker und spontan, die Darsteller treffen die Pointen perfekt und entlocken den Dialogen sämtliche Zweideutigkeiten. In einer Geschichte, die sehr leicht klischeehaft ausfallen könnte, sehen wir echte Menschen, die ihre Probleme durch Verständnis füreinander lösen. Die Handlung um das verschlafene Städtchens Bomont, wo Tanzen grundsätzlich verboten ist und die jungen Leute sich zu Tode langweilen, wirkt auf den ersten Blick nur wie ein Rahmen für die vielen großen Tanzszenen; nicht umsonst kletterten die passenden Filmsongs wie „Footloose“, „Holding out for a Hero“ und „Let’s hear it for the Boy“ damals in den Hitparaden hoch. Aber Dean Pitchford adaptierte sein eigenes Filmdrehbuch mit der Hilfe von Walter Bobbie zu guten, spannenden Bühnendialogen.
Wie bei den meisten Amateurtheatern wird hier vieles im Team erarbeitet, die Darstellerinnen und Darsteller wirken auch bei Bühnenaufbau, Kostümen, Maske usw. mit. Simeon Faiß zeichnet für die nahtlosen Verwandlungen zwischen Schule, Diner, Pfarrerswohnung, Kirche, Eisenbahnbrücke oder Scheune samt rostigem Pickup verantwortlich, Vincent Fix für die flotten Kostüme von Hot Pants bis zu Country-Outfits. Vom Line Dance ließ sich Sabrina Reichle manchmal inspirieren, ihre vielen, zuweilen sehr originellen Choreografien werden vom Ensemble rasant und mit größter Energie getanzt, bis hin zu Überkopf-Hebungen. Manche Szenen beginnen geheimnisvoll mit Silhouetten im Halbdunkel und tanzen sich dann ins Licht.
Als Ren, der Held der Geschichte, bringt Marc Bröckel neben dem lakonischen Frust eines von Chicago in die Provinz deplatzierten Jugendlichen liebenswerten Charme und eine angeborene Zuversicht mit; da macht es wirklich nichts, dass er ein-, zweimal mit Kopf- statt Beltstimme singt. Vanessa Haug weiß als taffe, starke Ariel genau, was sie will, und bringt ihrem kühlen Vater doch viel Liebe entgegen. Ein allerliebstes Paar sind Michelle Trifonov als Rusty, deren Sprachwitz sich bisweilen überschlägt, und Patrick Sam als anfangs ungelenker, später sehr süß auftauender Willard. Während Vincent Fix als der strenge Pfarrer fast zu wenig verbissen wirkt, das Überwinden seiner Härte aber berührend spielt, zeichnet Johanna Ringe seine Frau Vi sanft-nachdrücklich, ausgleichend und ein wenig traurig – ein schönes Porträt.
Die Aufführung hat etwas, womit die letzte große Deutschland-Tournee von „Footloose“ nicht aufwarten konnte: ein fetziges, von fies rockenden E-Gitarren bis zu einem zarten Underscoring bestens besetztes Live-Orchester unter der Leitung von Emilia Schneider. Manchmal könnten die Stimmen ein wenig mehr im Vordergrund stehen, ansonsten passt die Tontechnik von Jona Mack im rappelvollen Saal. Das Frauentrio „Lieber will ich schweigen“ etwa für Vi, Ariel und Rens Mutter Ethel (Marie-Christin Baur) strahlt wunderbar in den Raum hinaus.
Die Musical Academy tritt seit mehreren Jahren in der Kulturhalle in Dußlingen direkt vor den Toren Tübingens auf; hier haben sie zuletzt „Anastasia“, „Rent“ und „Natürlich blond“ gezeigt. Für den Herbst ist „Next to Normal“ angekündigt.
Musikalische Leitung: Emilia Schneider • Regie: Silvester Keller • Choreografie: Sabrina Reichle • Bühne: Simeon Faiß • Kostüme: Vincent Fix • Maske: Ronja Fleck • Licht: Max Jaeger • Tontechnik: Jona Mack • Mit: Marc Bröckel (Ren), Vincent Fix (Shaw), Vanessa Haug (Ariel), Michelle Trifonov (Rusty), Annika Zacharias (Urleen), Anna Nill (Wendy Jo), Patrick Sam (Willard), Johanna Ringe (Vi), Marie-Christin Baur (Ethel), Erik Laicher (Chuck), Bex Felchle (Cowboy Bob/Lyle), Noah Schreiner (Wes/Jetter), Ronja Fleck (Lulu), Carina Debnath (Schuldirektorin), Julia Streib-Lehmann (Betty), Yannick Huber (Coach/Travis), Cornelia Ganz (Polizistin), Samuel Schettkat (Garvin), Juli Holzwarth (Schülerin), Adrian Schwarz (Bickle), Léonie Schmidlin (Eleanor), Amelie Matturi (Schülerin)
Aufmacherfoto: Paola Sorce für MAT e.V.




