Liv Andrusier Bertrande and Shane ORiordan Martin in Martin Guerre at The Old Vic 2026. Photo by Helen Maybanks 1 | MUSICAL TODAY

Martin Guerre

Familiendrama voll großer Melodien

qi addons for elementor placeholder | MUSICAL TODAY
Venue
The Old Vic Theatre
by
Claude-Michel Schönberg (Musik)
Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg (Buch)
Alain Boublil, Annabel Mutale Reed und Paul Hodge (Neue Liedtexte)
Alain Boublil und Stephen Clark (Liedtexte)
Direction
Matthew Warchus
World premiere
1996 / 2026 (Neufassung)

Die neueste Fassung von „Martin Guerre“ wird zu einem intensiven Kammerspiel

Es gibt eine Reihe von Musicals, bei denen die Fassungsvielfalt kaum zu überblicken ist. Eines davon ist „Martin Guerre“ aus der Feder von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg. 1996 in London uraufgeführt, begannen die „Les Misérables“-Autoren bereits unmittelbar nach der Premiere mit erheblichen Umarbeitungen, die bis heute andauern. Im Zentrum der Handlung steht der historisch verbürgte Fall des Hochstaplers Arnaud du Tilh, der sich im Frankreich des 16. Jahrhunderts als der titelgebende Martin Guerre ausgibt.

Martin hatte sein Dorf Artigat und seine junge Ehefrau Bertrande verlassen, um im Krieg zu kämpfen – und dem gesellschaftlichen Druck, ein vorbestimmtes Leben zu führen, zu entfliehen. Sieben Jahre später kehrt Arnaud, den Martin im Krieg kennengelernt hatte, an dessen Stelle nach Artigat zurück. Dort wird er von den Dorfbewohnern und Bertrande für den verschollenen Martin gehalten. Doch die anfängliche Euphorie über seine Rückkehr schlägt bald in Misstrauen um, bis dem vermeintlichen Martin schließlich als Hochstapler der Prozess gemacht wird.

Boublil und Schönberg schufen aus dieser faszinierenden Geschichte, die in alten Gerichtsakten überliefert ist, ein durchkomponiertes Musical, das in seiner Erstfassung vor allem durch seinen opernnahen sinfonischen Klang überzeugte. Regisseur Matthew Warchus hat im Londoner Old Vic nun eine neue, von den Autoren (in Zusammenarbeit mit Annabel Mutale Reed und Paul Hodge) auf 90 Minuten gekürzte Version des Musicals inszeniert. Leider fehlen zahlreiche musikalische Höhepunkte der ursprünglichen Fassung, dafür besitzt das Stück nun eine dramaturgische Geschlossenheit, die frühere Versionen vermissen ließen.

Entscheidend dafür ist die stärkere Konzentration auf Bertrande, die als Jugendliche wegen ihrer Ländereien mit Martin verheiratet wird. Liv Andrusier verkörpert sie als selbstbewusste und willensstarke Frau, wodurch Bertrande klar zur Sympathieträgerin des Stücks wird. Nicht nur durch ihr intensives Schauspiel, sondern auch in ihren musikalischen Nummern weiß Andrusier zu überzeugen – etwa im neuen, leidenschaftlichen Song „Someday“. Hier gelingt ihr eine hervorragende Balance zwischen stimmlicher Kraft und emotionaler Intensität.

Mit der größeren Fokussierung auf Bertrande wird Martin selbst allerdings zu einer Randfigur, obwohl er mit dem Titelsong eine der markantesten Nummern der Show singen darf. Shane O’Riordan gibt den vermeintlichen Heimkehrer ebenso eindringlich wie verletzlich und bildet damit ein gutes Gegengewicht zu Andrusier. Aus dem restlichen Ensemble stechen vor allem Barney Wilkinson, der Martins Gegenspieler Guillaume mit dämonischer Unerbittlichkeit verkörpert, sowie Colin Ryan als einfältig-lebensfroher Benoit hervor.

Matthew Warchus’ düstere, atmosphärisch dichte Inszenierung entwickelt eine archaische Kraft, die die historische Geschichte eindrucksvoll umsetzt. Zu Beginn etwa betritt das Ensemble in schwarzen Kutten in einer kultähnlichen Prozession die Arenabühne, die mit wenigen Bühnenelementen (Ausstattung: Rob Howell), dafür mit stimmungsvollem Lichtdesign (Hugh Vanstone, Luca Panetta und Toby Ison) aufwartet. Trotz des hohen Tempos, zu dem auch Lizzi Gees mystisch-rituelle Choreografie beiträgt, gelingt es Warchus, die epische Geschichte zu einem nervenaufreibenden Familiendrama zu verdichten.

Leider ist die Musik auf ein Kammerformat reduziert worden. Tom Currans Orchestrierung kommt mit nur sechs Musikern aus – eine zu kleine Besetzung für die epische Partitur. Dank der herausragenden Darsteller aber entfaltet die Produktion trotz dieser musikalischen Einbußen eine emotionale Wucht, der man sich kaum entziehen kann. Boublils und Schönbergs „Martin Guerre“ verliert also in London zwar an sinfonischer Größe, gewinnt dafür aber an psychologischer Tiefe und wird zu einem intensiven Kammerspiel voller großer Melodien.


Music Supervision:  Chris Poon • Musikalische Leitung: Matthew Jackson • Regie: Matthew Warchus • Choreografie: Lizzi Gee • Kampfregie: Kate Waters • Ausstattung: Rob Howell • Licht: Hugh Vanstone, Luca Panetta und Toby Ison • Sounddesign: Fergus O’Hare • Mit: Liv Andrusier (Bertrande), Mathew Craig (Pierre), Dan Hand (Young Martin), Bethan Louise Honer (Young Bertrande), Aaron Lee Lambert (Judge), Eli McFarland (Young Benoit), Shane O’Riordan (Martin), Oliver Payne (Young Guillaume), Adam Pearce (Father Dominic), Colin Ryan (Benoit), Caroline Sheen (Madame de Rols), Barney Wilkinson (Guillaume) u.a.

Aufmacherfoto: Helen Maybanks

Spielorte

Archive