
„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ geht in gleich zwei Varianten auf große Wintertour
Wie soll man diesen Kultfilm, der zu jedem Weihnachtsfest im Fernsehen rauf und runter läuft, ohne die verschneiten Landschaften und die schönen Burgen, ohne Eule Rosalie und Schimmel Nikolaus auf die Bühne bringen? Egal, der Vorverkauf übersteigt alle Erwartungen und es wurden bereits viele Zusatzvorstellungen angesetzt. Die romantische Titelmelodie von Karel Svoboda immerhin bleibt uns vom Original erhalten, den Rest haben Katrin Lange (Buch), Edith Jeske (Liedtexte) und Thomas Zaufke (Musik) sehr liebenswert und originell zu einem Musical adaptiert.
Die Bühnenversion von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ entstand bereits 2013 an der Landesbühne Sachsen, Tourneeveranstalter ShowSlot schickt das erstaunlich kleinformatige, aber sehr lustige Werk nun mit gleich zwei kompletten Ensembles durch Deutschland und Österreich. Mit zwölf Darstellerinnen und Darstellern reist die „Rosalie“-Tour durch die mittelgroßen Säle, mit knapp 20 Mitwirkenden beehrt das „Nikolaus“-Ensemble die Metropolen; bei beiden kommt die Musik vom Band.
Ella (das zuvor namenlose Aschenbrödel hat seinen Namen von Cinderella bekommen) überrascht gleich mal mit einem Auftritt in Hosen. Die tragen hier auch die böse Stiefmutter und ihre Tochter Dorchen. In Julia Pschedezkis Kostümen dominieren Fell und (Kunst-)Leder, der etwas exaltierte, schräge Chic überstrahlt die kleinen Reminiszenzen an den Film. Kulissen gibt es nur wenige, ein paar rustikale Bretterwände, Podeste oder einen Schuppen. Durch eine geschickt integrierte LED-Leinwand im Hintergrund, von wo aus etwa die äußerst lebensechte Eule hilft, und durch weitere Projektionen auf das Portal ist aber eigentlich immer Bewegung im Bühnenbild. Die drei Wünsche gehen mittels Lichtschein oder hinter einem rasch über die Bühne gezogenen Vorhang in Erfüllung, auch mit einfachen Tricks wirkt die Theatermagie ihren Charme.



Das Aschenbrödel, das im Film zwar das Gesinde verteidigt, aber sonst fast ein wenig schweigsam erscheint, wird hier zur Umweltaktivistin: Im Wald pfeift sie den Prinzen und seine Freunde für ihr Großstadt-Gehabe an. Das Buch betet nicht etwa die Filmdialoge nach, sondern entwickelt mit reichlich Witz die Eigenheiten der Personen weiter, übersteigert sie gar bei den Nebenfiguren. Das bestens gelaunte Ensemble tut den Rest: Immer wieder gibt es in der Offenburger Oberrheinhalle Szenenapplaus, etwa für die trockene, staatstragende Ironie von König und Königin, für die Metaphern-verdrehende Stiefmutter oder den österreichisch näselnden Herold. Rita Sereinigs originelle Bewegungsregie greift auch mal zum Slapstick, in den kleinen Tanznummern feiert Susanne Rietz mit Bierkrügen, Kampfstäben oder Fächern stets den Anlass.
Sehr süß und in schönen, romantischen Duetten entwickelt sich die Liebesgeschichte zwischen dem eitlen, unausgelasteten Prinzen und der bodenständigen Ella. Thomas Zaufkes unterschiedlich gefärbte Songs rangieren vielleicht nicht in der Liga der ewigen Dauerbrenner, aber sie charakterisieren an der jeweiligen Stelle perfekt Geschehen und Charaktere. So singt Ella von ihrem Vater oder fasst den großen Entschluss, ins Schloss zu gehen, der Chor empfängt launig den König (und zieht ihm nachher den roten Teppich unter den Füßen weg), die Stiefmutter beklagt sich über ihr Los als Alleinerziehende und des Prinzen Freunde bringen fast schon Cole Porters Ganoven-Swing auf die Bühne.
Gesungen wird durchweg mit starken, schönen Stimmen. Cassandra Schütt charakterisiert die Titelfigur als selbstbewusste junge Frau, leicht trotzig und ein wenig eigenartig. Paul Aschenwalds flotter Prinz verwandelt sich durch die schöne Unbekannte aufs Allerliebste. Mit Spuren einer Sadomaso-Diva benimmt sich Timna Engelmayer als Stiefmutter herrlich daneben, Melina Niccum darf als Stiefschwester Dorchen mit einer aufrichtigen Entschuldigung bei Ella das Happy End verschönern. Die steigt mit einem fast „Eiskönigin“-reifen Kleiderwechsel aus ihren Lumpen ins Hochzeitskleid.
Musikalische Leitung: Hans Rose und Luis Richter • Regie: Rita Sereinig • Choreografie: Susanne Rietz • Bühne: Walter Vogelweider • Kostüme: Julia Pschedezki • Haar- und Make-up-Design: Pia Kopprasch • Licht: Michael Grundner • Videodesign: Christian Ariel Heredia • Sounddesign: Dennis Heise • Mit: Cassandra Schütt (Aschenbrödel), Paul Aschenwald (Prinz), Timna Engelmayer (Stiefmutter), Melina Niccum (Dorchen), Pascal Giebel (Willi), Henk Nagel (Karlchen), Christine Toft (Königin), Bastian Kohn (König) u.a.
Aufmacherfoto: Nico Moser

