
„Rebecca“ zeigt, was Stadttheater kann
Elf Tage vor der Premiere gab es eine öffentliche Probe, mit Klavierbegleitung und noch ohne Kostüme. Schon damals entstand ein so großer Zauber, dass das Publikum die Premiere kaum erwarten konnte. Laut Regisseur Gil Mehmert bereitete die Drehbühne, die mehr oder weniger ständig in Bewegung ist, einige Probleme – der TÜV macht strenge Vorgaben, was die Geschwindigkeit anging. So entstand aus der Not eine Tugend, denn Mehmert und der musikalische Leiter Carlos Vázquez wollten die Tempi nicht reduzieren.
Also verschmolzen viele Szenen ineinander: Am Ende des ersten Aktes beispielsweise erscheint die Gesellschaft für den Ball in Manderley bereits hinten und seitlich auf der Bühne, während „Ich“ noch in ihr Ankleidezimmer geht, um sich für ihren Auftritt umzuziehen. Mrs. Danvers kommt immer schon eine der großen Treppen herab und beobachtet die Szenerie, auch wenn sie noch lange keinen Text hat. Dadurch entsteht eine zügige Inszenierung, die ohne relevante Kürzungen deutlich schneller abläuft als frühere Produktionen.
Das mehrstöckige, immer wieder neue Räume hervorzaubernde Bühnenbild (Karl Fehringer und Judith Leikauf) sowie die ausdrucksstarken Kostüme von Falk Bauer lassen samt dem in viel Lila getauchten Nebel-Licht (Michael Grundner) die Szenerie stets düster erscheinen. Die Inszenierung ist so dicht, das Orchester spielt so voll und gut abgemischt auf, die Menschen auf der Bühne agieren so intensiv, dass das Publikum jede Chance nutzt, um frenetisch zu applaudieren. Fast so, als wolle es sich ein wenig Zeit zum Durchatmen verschaffen.
Das liegt am Premierenabend mehrheitlich an drei Personen: Bettina Mönch, mittlerweile seit vielen Jahren die Leading Lady, scheint als Mrs. Danvers immer noch ihre Leistung zu steigern. Schon bei „Orchideen“ im ersten Akt spürt man ihre Eiseskälte und die Sehnsucht nach Rebecca. Ihre Verachtung für „Ich“ ist grenzenlos. Wenn das „Rebecca“-Duett am Anfang des zweiten Aktes erklingt, sind Mönchs Stimmumfang und Ausdrucksstärke so groß, dass es einen regelrecht in den Sitz drückt.
Ebenbürtig an ihrer Seite ist Antonia Kalinowski als „Ich“. Endlich eine Interpretin mit starker Stimme auch bereits im ersten Akt: natürlich, jung, aber eben nicht mädchenhaft; naiv auch, aber nicht endlos naiv. Dass sie sich zur Herrin von Manderley wandeln kann, wird erfreulich früh deutlich. Sie spielt mit ihren Songs, schon „Zeit in einer Flasche“ wird zum ersten Highlight.
Mark Seibert in der Rolle des Maxim reiste erkrankt an, sodass nicht klar war, ob er den zweiten Akt würde spielen können. Markus Schneider, in den ersten vier Probenwochen Maxim und als Cover eingeplant, musste auf seine Rolle als Frank Crawley verzichten und abwarten. Premierentage … Seibert hält durch, und was er zeigt, ist besonders gut. Sein Spiel ist nicht übertrieben und dominant, sondern er porträtiert einen verzweifelten Mann, der die Gedanken an seine Horror-Ehe mit Rebecca mit seiner neuen Ehefrau überschreiben möchte. Nicht nur für sich, sondern für alle.
Alexandra Farkic spielt Maxims Schwester Beatrice herzlich und nicht so stark überzeichnet. Ebenso sympathisch wirkt ihr Ehemann Giles, den Florian Soyka nicht nur als Schussel darstellt. Großartig auch Amani Robinson als Edith van Hopper, die überkandidelt, lustig und soulig im Gesang alles aus dieser Rolle herausholt. Max Lochmüller zeigt als Ben, wie facettenreich man diese kleinere und doch so wichtige Rolle spielen kann. Nicht zuletzt beweist David Jakobs als Jack Favell, dass dieser schmierige Charakter wirklich gar keine netten Züge hat. Eine tolle Ensemble-Leistung und sicherlich das stärkste Musical in Dortmund seit Jahren – all das unter den Augen von Sylvester Levay und Michael Kunze, die persönlich anwesend sind.
Musikalische Leitung: Carlos Vázquez • Regie: Gil Mehmert • Choreografie: Yara Hassan • Bühne: Karl Fehringer und Judith Leikauf • Kostüme: Falk Bauer • Licht: Michael Grundner • Sounddesign: Joerg Gruensfelder • Dramaturgie: Nikita Dubov • Mit: Antonia Kalinowski („Ich“), Mark Seibert (Maxim de Winter), Bettina Mönch (Mrs. Danvers), David Jakobs (Jack Favell), Amani Robinson (Mrs. van Hopper), Andreas Schneider (Frank Crawley), Alexandra Farkic (Beatrice), Florian Soyka (Giles), Max Lochmüller (Ben), Martin Planz (Oberst Julian) u.a. • Dortmunder Philharmoniker
Aufmacherfoto: Björn Hickmann




