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The Addams Family

Sind wir nicht alle ein wenig Addams?

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Venue
Theater Münster
by
Andrew Lippa (Musik und Liedtexte)
Marshall Brickman und Rick Elice (Buch)
Anja Hauptmann (Deutsche Fassung)
Direction
Effi Méndez
UraufführunG
2009

Ein starkes Ensemble gleicht Stückschwächen aus

„Normal ist eine Illusion, Liebling. Was für die Spinne normal ist, ist für die Fliege eine Katastrophe“, meint Morticia Addams an einer Stelle des Stücks zu ihrer Tochter Wednesday. Klar ist nur eins: Nicht normal wäre, wenn sich diese Inszenierung nicht zum absoluten Hit entwickeln würde. Und das trotz der Vorlage, das ist eine wahre Leistung. Denn das Musical als solches gilt als kein großer Wurf: Das Werk mit den Figuren des Cartoonisten Charles Addams, jener schrullig-morbiden Horror-Sippe, die sich selbst für völlig normal hält, wird oft dafür kritisiert, dass die Familie sehr wohl weiß, dass sie für den Rest der Welt nicht „normal“ ist: „Wir sind, wer wir sind, und die sind aus dem Sauerland“, so ein Kalauer der Münsteraner Fassung, obwohl das Stück im Central Park spielt.

Diese Umkehrung ist aber nötig für die sehr konventionelle Geschichte, die zwei anderen Stücken entliehen ist: Wie in „La Cage aux Folles“ bekommt eine unkonventionelle Familie Besuch von den Eltern eines zukünftigen Schwiegerkindes und versucht, für diesen Anlass „normal“ zu erscheinen. Und wie das junge Pärchen Brad Majors und Janet Weiss in der „Rocky Horror Show“ werden hier die spießigen Eltern bekehrt.

Es gibt zwei Gründe, warum dieses Musical derzeit förmlich danach schreit, rechtzeitig zu Halloween auf die Spielpläne genommen zu werden: Dank Tim Burtons immens erfolgreicher Netflix-Serie „Wednesday“ über den gleichnamigen Spross der Familie sind die Charaktere auch in Deutschland wieder präsent – das Stück setzt ihre Kenntnis voraus, in den USA sind sie dank etlicher Verfilmungen so bekannt wie die Simpsons, die Autoren halten sich daher gar nicht erst damit auf, die Figuren einzuführen. Zum anderen ist da die Botschaft. Wenn der erzkonservative Mal Beineke, dessen Sohn Wednesday heiraten will, in sein „normales Amerika“ zurückkehren will oder er den Latino Gomez Addams als „linksgerichteten spanischen Spinner“ diskreditiert, so sind dies die beiden dezenten Momente, in denen klar wird: Der Mann wählt Trump.

Der Kontrapunkt zu ihm ist Onkel Fester, der sich im Stück als „Kahlkopf unbestimmten Geschlechts“ bezeichnet, der zwar im bekannten Outfit dieser Figur, jedoch effeminiert wie eine Dragqueen agiert und dabei die queere und transgender Community sowie schlichtweg die Liebe repräsentiert. Überhaupt: Fester. Jens Krause ist der eigentliche Star des Stücks, schafft es, aus dem Horrorclown einen durch und durch liebenswerten Sonderling zu machen. Gleichauf liegt Friederike Bauer als Wednesday, sie steht in Ausstrahlung und Präsenz Jenna Ortega aus der besagten Serie in nichts nach. Die beiden Rollen sind vermutlich besonders dankbar, weshalb Sebastian Smulders und Tina Podstawa als Gomez und Morticia nicht ganz Schritt halten können – außer bei ihrem grandiosen Versöhnungs-Tango gegen Ende. Der Showstopper des Abends ist jedoch Vera Lorenz als Mals Frau Alice, wenn sie unter Drogeneinfluss fulminant ihren ganzen Frust ablässt.

Die Botschaft funktioniert, denn sie kommt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daher. Alle Mitwirkenden legen beachtliche gesangliche Leistungen hin. Während Tina Carstens Bühnenbild bis auf den Gag mit den Bilderrahmen eher nüchtern gehalten ist, wirken die Kostüme (Philipp Winkler und Inka Hauptvogel) aus gedeckten Tönen mit Blau- und Türkistupfern umso besser. Die Inszenierung von Effi Méndez ist gespickt mit popkulturellen Anspielungen, etwa auf den deutschen Pop-Hit „Gut genug“, auf „Game of Thrones“, Michael Jackson und Harry Potter, wenn der Opernchor und die Statisten sich als untote Ahnen aus unterschiedlichsten Epochen und sozialen Schichten in den Bilderrahmen auf der Galerie des zweistöckigen Bühnenbilds bewegen, einer davon übrigens als Elvis-Presley-Zombie. Einziger wirklicher Kritikpunkt: Warum wächst dem meist stummen Diener Lurch ein Gebilde aus dem Kopf, das offenbar sein Gehirn sein soll, aber eher aussieht wie die mit Christbaumkugeln und Kaninchendraht nachgebaute Frisur von Marge Simpson? Um ihn auf zwei Meter Körperlänge zu bekommen?


Musikalische Leitung: Thorsten Schmid-Kapfenburg • Regie: Effi Méndez • Choreografie: Kati Heidebrecht • Bühne: Tina Carstens • Kostüme: Philipp Winkler und Inka Hauptvogel • Choreinstudierung: Anton Tremmel • Dramaturgie: Yuri Colossale • Mit: Sebastian Smulders (Gomez Addams), Tina Podstawa (Morticia Addams), Jens Krause (Onkel Fester), Carola von Seckendorff (Grandma), Friederike Bauer (Wednesday Addams), Kylian Kyoungloul Kim (Pugsley Addams), Gregor Dalal (Lurch), Yixuan Zhu (Mal Beineke), Vera Lorenz (Alice Beineke), Nuno Dehmel (Lucas Beineke) • Opernchor und Statisterie des Theaters Münster • Sinfonieorchester Münster

Aufmacherfoto: Bettina Stöß

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