
Richard Rodgers „Oklahoma!“ open-air im Breitwandformat
Richtig heimisch wurde „Oklahoma!“ nie auf deutschen Bühnen, es blieb bei raren Produktionen. Nach langer Pause kümmert sich zurzeit die Oper Magdeburg um den Musical-Klassiker, open-air im Breitwandformat und wirkungsvoll in Szene gesetzt. Erik Petersen führt Regie und vermeidet im konkreten Fall fragwürdige Aktualisierung. Er setzt auf rasantes Tempo und harte Schnitte zwischen Witz und Ernst, bringt alle Beteiligten mit Verve auf den gewünschten Kurs und erzielt damit großen Zuspruch beim Publikum.
Das 1943 am New Yorker St. James Theatre uraufgeführte Stück von Oscar Hammerstein II (Buch und Liedtexte) und mit Richard Rodgers hithaltiger Musik markierte einen bedeutenden Meilenstein des Genres. Erstmals dienten die Tänze, kreiert von Agnes de Mille, nicht mehr nur als nette Garnierung, sondern bildeten einen integralen Bestandteil der Handlung, schubsten sie oft nach vorn. Außerdem stellte das Stück mit 2.122 Vorstellungen einen neuen Broadway-Rekord auf. Das Kreativteam nutzte als Vorlage das Drama „Green Grow the Lilacs“. Bereits acht Jahre später gab es ein englischsprachiges Gastspiel im Berliner Titania-Palast, erst 1973 folgte die übersetzte Fassung in Münster. „Oklahoma!“ gehört zu den wenigen Musicals, die als ganz besondere Auszeichnung einen Pulitzerpreis erhielten.
Der auch verfilmte Broadway-Blockbuster erzählt eine ziemlich simple Geschichte vom Land. Dreh- und Angelpunkt ist Tante Eller Murphy, eine resolute Frau, die gestandene Männer fest im Griff hält. Sie hilft ihrer Nichte Laurey auf deren Farm. Dort arbeitet der grummelige Jud Fry, der die Besitzerin heiraten möchte. Als alerter Nebenbuhler fungiert Cowboy Curley McLain. Beim jährlichen Picknickkorb-Fest entknäueln sich die kräftig knisternden Beziehungsgeflechte. Jud wird entlassen, attackiert bei der Hochzeit von Laurey und Curley das entsetzte Paar. Der Bräutigam ersticht ihn. Harte Kost und Wildwest-Romantik prallen aufeinander. Ansonsten geht es eher um Nickeligkeiten, den ängstlichen Mobil-Krämer Ali Hakim oder die erotisch elektrisierte Ado Annie. Sie landet am Ende in den Armen von Will Parker, der mit seinen erlebten Abenteuern in Kansas City prahlt.
Fast jeder Song des Musicals mutierte zum Evergreen, darunter der Titelschlager, „Sonst sagt man, wir sind verliebt“, „Nein sagen gilt hier nicht“, „Der Farmer sei des Cowboys bester Freund“ oder das Kutschenlied. Dirigent Paweł Popławski lässt den typischen Rodgers-Sound mit der Magdeburgischen Philharmonie in seinem ganzen Spektrum wunderbar frisch aufblühen. Sabine Artholds Choreografie nimmt ideenreich die ausgelegte Linie von Agnes de Mille auf und Dirk Hofacker (Bühne) sowie Lukas Pirmin Wassmann (Kostüme) zaubern mit ihrem naturalistischen Setting eine authentisch wirkende Country-Atmosphäre, inklusive Pyrotechnik und Nebelschwaden in der starken Traum-Sequenz.
Ohne signifikante Eingriffe wäre „Oklahoma!“ kaum in die Gegenwart zu holen und den eher holzschnittartigen Figuren kaum mehr psychologische Tiefe zu verabreichen. Erik Petersen verzichtet auf dieses Unterfangen, bringt den Plot aber auf historischer Spur in Fahrt. In Meister-Manier bewegt er den gesamten Apparat auf der riesigen Bühne, immer mit Old-fashioned-Parfüm, aber nie zu dick aufgetragen. Alle agieren hoch motiviert und stimmig – besonders präsent: Kerstin Ibald als scharfzüngige Tante Eller Murphy, Sabrina Weckerlin als Laurey, Kara Kemeny (Ado), Andrew Chadwick (Will), der herrlich naive Ali Hakim von Jan Ungar, Alexander Aulers sinistrer Jud und Nicky Wuchinger als Sonny-Cowboy Curly. Beifall und Jubel der Zuschauer belohnen den großen Einsatz des Ensembles.
Musikalische Leitung: Paweł Popławski • Regie: Erik Petersen • Choreografie: Sabine Arthold • Bühne: Dirk Hofacker • Kostüme: Lukas Pirmin Wassmann • Videodesign: Ronny Wagner • Choreinstudierung: Martin Wagner • Dramaturgie: Ulrike Schröder • Mit: Kerstin Ibald (Tante Eller Murphy), Sabrina Weckerlin (Laurey Williams), Nicky Wuchinger (Curley McLain), Alexander Auler (Jud Fry), Kara Kemeny (Ado Annie Carnes), Jan Ungar (Ali Hakim), Andrew Chadwick (Will Parker), Jeanett Neumeister (Gertie Cummings), Sascha Laue (Andrew Carnes) u.a. • Opernchor, Ballett und Statisterie des Theaters Magdeburg • Magdeburgische Philharmonie
Aufmacherfoto: Andreas Lander




