04 TM Scholl Judith Caspari Alexander Auler HPO 236 c Andreas Lander | MUSICAL TODAY

Scholl – Die Knospe der Weißen Rose

Zersprengter Fluchtpunkt

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Venue
Theater Magdeburg
by
Thomas Borchert (Musik)
Titus Hoffmann (Buch und Liedtexte)
Direction
Titus Hoffmann
UraufführunG
2023

„Die Knospe der Weißen Rose“ bleibt geschlossen

„Was ist ein Mensch, was macht ihn aus?“, singen die sieben Figuren zum A-cappella-Einstieg. Im Mittelpunkt steht Traute, die sich an die Silvestertage 1941/42 zurückerinnert, welche sie mit ihren Freunden Sophie und Hans Scholl sowie Ulla, Freddy und Inge auf einer Skihütte in Tirol verbrachte. Am Ende dieser „Ferien fürs Vaterland“ war der Samen für die „Weiße Rose“ gesät. Diesen Gründungsmoment nehmen Titus Hoffmann (Buch und Liedtexte) und Thomas Borchert (Musik) in den Fokus; nach der Uraufführung am Stadttheater Fürth vor drei Jahren kommt ihr Musical um die berühmten Geschwister und die Entstehung ihrer Widerstandsbewegung nun ans Theater Magdeburg.

Die Verortung auf der Coburger Hütte kreiert einen Ort des Stillstands, an dem die jungen Menschen in der Hochzeit des Nationalsozialismus ein Stückchen Frieden suchen. Sie fahren Ski, lesen verbotene Bücher und spielen Spiele, während sich die Welt, die sich vor den Türen der Alpenhütte in ihrem kriegerischen Chaos weiterdreht, immer wieder aufdrängt. Man wird hineingeworfen in die Innenwelt der Figuren, die politischen Zusammenhänge entstehen aus dem Spiel mit ihren Gedanken, Erinnerungen und Träumen – im Vordergrund allerdings bleiben die Romanzen. Traute will Hans, Hans wollte mal Rolf, jetzt will er Shurik, Ulla will Freddy, Sophie will eigentlich keinen und dann doch wieder Fritz.

Dieses dramaturgische Geflecht wird auf Stephan Prattes’ Bühne als chaotisch-fluchtpunktartiges Balkenkonstrukt aufgenommen. Dimensional passt es nicht ganz auf die Magdeburger Maße, die schwebenden Balken wirken recht holprig. Durch die Verbannung der Musiker hinter eine Projektionswand geht vieles an Klang verloren. Erst nach der Pause wird der Blick für einen kurzen Moment freigegeben auf die etwas dünn besetzte Band, die weit hinter der Abdeckung auf einem Podest sitzt, fast wie dem Stück entrückt. Mehr musikalische Wucht gibt es nach dieser Enthüllung leider nicht, der Ton bleibt dumpf und kraftlos und wird schon bald erneut von der herabfahrenden Leinwand erstickt.

Die fehlende Dynamik von Musik und Bühne gleicht das siebenköpfige Ensemble wacker aus. Stimmlich wie spielerisch kreieren sie als Gruppe einige schöne Momente. Alexander Auler porträtiert Hans Scholl als verträumten Außenseiter mit warmem Bariton, seine Gedanken weilen stets beim abwesenden Studienfreund Alexander Schmorell alias Shurik. Dessen Rolle als Fremdkörper in der Skihütte, der bloß in Hans’ Gedankenwelt existiert, meistert Fin Holzwart gekonnt. Celena Pieper verkörpert Sophie Scholl als taffe Aufständische mit kraftvoller Stimme und weichem Timbre, ihr „Unsolider Tanz“ macht großen Spaß.

Genauso wie Raphael Binde, der blitzschnell wechselt zwischen Hans’ Geliebtem Rolf und dem tollkühnen Freddy, welcher mit Lara Kareen als selbstbewusster Ulla anbandelt. Die von ihm geführte Revue „Am Sonntag kommt zum Kaffeeklatsch der Führer“ ist das urkomische Highlight des Abends. Bianca Basler spielt souverän die selbsternannte Gruppenleiterin Ilse im Zwiespalt zwischen Pflichtbewusstsein und Fürsorge für ihre Geschwister Hans und Sophie. Schließlich glänzt Judith Caspari als Traute mit Broadway-Belt und großem Ausdruck, in der Ballade „Doppelgänger“ sorgt sie für durchgängige Gänsehaut.

„Was bleibt ist was Geschichte schreibt.“ Für solch ein geschichtsträchtiges Thema bleibt an diesem Abend etwas zu wenig – vor allem zu wenig Emotion. Der Dramaturgie fehlt die klare Linie, die Handlung endet dort, wo die eigentliche Geschichte um die Geschwister Scholl erst beginnt. Die ersten Flugblätter, die Verhaftung und schließlich die Ermordung werden im Epilog in nur kurzen Sätzen abgehandelt. Die Knospe bleibt geschlossen, ihr Erblühen bekommen wir nicht zu Gesicht. Trotz des hervorragenden Ensembles sind die (sound-)technischen Unsauberheiten etwas unangenehm für Aug und Ohr, nicht aber für das Premierenpublikum, das nach dem letzten Ton begeistert von seinen Stühlen aufspringt.


Musikalische Leitung: Robert Paul • Regie: Titus Hoffmann • Choreografie: Andrea Danae Kingston • Bühne: Stephan Prattes • Kostüme: Conny Lüders • Dramaturgie: Christoph Clausen • Mit: Judith Caspari (Traute Lafrenz), Alexander Auler (Hans Scholl), Celena Pieper (Sophie Scholl), Bianca Basler (Inge Scholl), Fin Holzwart (Shurik/Alex), Raphael Binde (Freddy), Lara Kareen (Ulla)

Aufmacherfoto: Andreas Lander

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