Disney DerGloecknervonNotreDame foto07 cImke Trapp Fotografie | MUSICAL TODAY

Disneys Der Glöckner von Notre Dame – Das Musical

Glöckner light

qi addons for elementor placeholder | MUSICAL TODAY
oRT
Budapester Operettentheater & ATG Entertainment (Deutsches Theater München)
von
Alan Menken (Musik)
Peter Parnell (Buch)
Stephen Schwartz (Liedtexte)
Michael Kunze (Deutsche Fassung)
Regie
Zsolt Homonnay
Uraufführung
1999 / 2014

Ein wundervolles Musical bleibt auf der Strecke

„Der Glöckner von Notre Dame“ könnte so viel Feuer, so viel Charme, so viel Bombast, so viele unvergessliche Momente haben – wenn er mit der richtigen Energie auf die Bühne gebracht wird. Was das Budapester Operettentheater zum ATG-Tourauftakt im Deutschen Theater München abliefert, ist ein ziemliches Trauerspiel. Man denkt wehmütig an die grandiose Produktion von Stage Entertainment mit David Jakobs in der Titelrolle zurück, mit der das Disney-Musical 2017/18 zuletzt in München gastierte. Früher war alles besser? Diesmal leider schon.

Das Orchester (immerhin live) wird aus einem Nebenraum zugeschaltet. Dirigent Zsolt Tassonyi hetzt über feierliche Momente hinweg, als würde er das Ende des Abends nicht erwarten können, und lässt Alan Menkens Score stellenweise wie eine schlecht gealterte Operette klingen. Was erschwerend hinzu kommt: Die Soundabmischung (Tamás Soós) wirkt seltsam steril und dumpf, wie unter dem Dichtungsglas. Den Chören – die eigentlich mit Wellen der Opulenz und Wucht richtig „reinhauen“ sollten – fehlt es an Durchschlagskraft; kein Wunder bei gerade mal 15-köpfiger Stärke. Selten hat man den „Klang von Notre Dame“ so gleichgültig und unberührt gehört.

Leider reißt es auch die Cast nicht heraus. Péter Sándor bemüht sich redlich, liefert Quasimodos stimmliche Eruptionen anständig ab, bleibt aber letzten Endes nur Mittelfeld – auch, weil er immer wieder in Richtung Schnulzenhaftigkeit abdriftet. Attila Németh fehlt für Frollo die wahrhafte Schwärze, zudem wackelt seine Abstimmung mit dem Orchester. Ottó Magócs (Clopin) bleibt vor allem als Seeräuber-Verschnitt in Erinnerung, während Sándor Barkóczi in Sachen Phoebus ein stimmlicher Ausfall ist. Einziger Lichtblick: Flóra Széles als Esmeralda, die mit warmem Timbre und feinen Nuancen die Grandezza und Würde ihrer Figur unterstreicht. „Einmal“ wäre das Highlight des Abends, wenn es die Duett-Situation mit Phoebus nicht direkt wieder vermasseln würde. Erschwerendes Zusatz-Manko: Obwohl es sich um eine deutschsprachige Produktion handelt, ist die Textverständlichkeit ein ständiges Auf und Ab.

Szenenfotos teils mit alternierender Besetzung

Das Bühnenbild von Erzsébet Túri mit der nachgebauten Notre-Dame-Fassade und flankierenden gotischen Säulen ist eine praktikable Tour-Lösung (wenn das Glockenturm-Gerüst zwischendurch auch mal bedenklich wackelt). Das „Fest der Narren“ aber stellt das Auge in tausend viel zu schrill beleuchteten Farben vor eine wirkliche Geduldsprobe. Wenn dann noch manche von Anni Füzérs Kostümen wie aus dem Faschingsfundus wirken und speziell die Wasserspeier in langen weißen Unterhosen an skurril alienhafter Ausstrahlung kaum zu überbieten sind, sind das einfach keine guten Voraussetzungen für die Personenführung. Respekt vor Regisseur Zsolt Homonnay und Choreograf István Simon, die sich der Herausforderung stellen und immerhin solide durch die Geschichte navigieren.

„Einige sind weniger Mensch als andere.“ Fremdenhass, Diskriminierung, unterdrückte Triebe, religiöser Fanatismus – der „Glöckner“ bietet eigentlich so viele Themen für eine starke, intensive Erzählung am Puls der Zeit. Heute wäre das wieder (mehr denn je!) so, so wichtig – es ist ein Jammer, dass die neueste Tourproduktion (möglicherweise auch aus Budgetgründen?) diese Chance verspielt. So träumt man sich eben um ein Jahrzehnt zurück, als dasselbe Stück hier noch einen ganz anderen Eindruck hinterlassen hat. Und hofft auf die nächste Tour.


Musikalische Leitung: Zsolt Tassonyi • Regie: Zsolt Homonnay • Choreografie: István Simon • Bühne: Erzsébet Túri • Kostüme: Anni Füzér • Make-up: Zsófia György • Licht: Ákos Bodor • Videodesign und Spezialeffekte: Péter Somfai • Sounddesign: Tamás Soós • Sprachcoach und Dialogregie: Martin Harbauer • Mit: Péter Sándor (Quasimodo), Flóra Széles (Esmeralda), Attila Németh (Frollo), Sándor Barkóczi (Phoebus de Martin), Ottó Magócs (Clopin), Noémi Fogl (Dämon-Wasserspeier), Petridisz Hrisztosz (Löwe-Wasserspeier), Dávid Czuczor (Kobold-Wasserspeier) u.a.

Aufmacherfoto: Imke Trapp Fotografie

Spielorte

Archiv