
Das knallbunte Party-Musical „& Julia“
Was passiert, wenn Julia überlebt? Und dann auch noch Romeo? Ihre Liebe geht den Bach runter. Sind es die berühmten Songs von Max Martin, diese vielen Nummer-Eins-Hits wie „Oops!…I Did It Again“ oder „It’s My Life“, wirklich wert, die schönste Liebesgeschichte der Welt derart gründlich zu zerlegen? Diese magische Leidenschaft, die uns irgendwann im Schauspielhaus, in der „West Side Story“ oder im Kino unter Tränen an die große Liebe glauben ließ? In dieser Fortsetzung beschimpft Julia den einstmals Geliebten nach nur zehn Minuten als Hure, statt an die Liebe glaubt man hier ans Female Empowerment.
Nach „We Will Rock You“ regiert in Stuttgart weiter das Jukebox-Musical, deutlich erkennbar am Party-Faktor, am großen Mittanz-Finale, am Konfetti. Und, guter Gag, an der Jukebox, die bei „& Julia“ ständig auf der Bühne steht. Zugegeben, es ist lustig, wie Shakespeares Frau Anne Hathaway anfangs den Abend mal eben auf eine Meta-Ebene lupft. Nicht lustig aber sind die Zuordnungen, die im Laufe des Stücks entstehen: Sie ist Feministin und pro Diversität, Gatte William ein altmodischer Patriarch. Das verkennt all die androgynen Gestalten des Shakespeare-Universums wie Viola oder Rosalinde, die Andeutungen homosexueller Beziehungen, all die fluiden Grenzüberschreiter in seinen Stücken.
Anne, wunderbar interpretiert von Sabrina Weckerlin, erkennt in Williams neuem Stück ihre eigene Ehe – und macht deshalb eine schlechte Parodie daraus? Julia möge ihr Leben endlich selbst in die Hand nehmen, heißt es da. In der Vorlage von 1597 trifft sie gegen alle Regeln ihrer Zeit nachts einen fremden jungen Mann, heiratet ihn heimlich und will mit ihm weglaufen: Mehr weibliche Selbstermächtigung ging für eine 13-Jährige in der Renaissance wohl kaum.
In dieser knallbunten Musicalparty befreit sich Julia also nicht etwa von Shakespeare, sondern sie springt vom 16. Jahrhundert mitten hinein in die Popkultur der Millennials und die Achtsamkeit der Generation Z. Es ist der gleiche Kniff wie in Baz Luhrmanns Film „Moulin Rouge“: ein ironisches Kommentieren der alten Mythen mittels fetziger Popmusik, ein postmodernes Spiel mit altbekannten Motiven im Commercial-Dance-Stil der Popvideos und in einer Ausstattung, die den Glamour der Popsternchen geschickt mit historischen Zitaten mixt. Nur waren bei Luhrmann die Bruchstellen so viel origineller, David West Reads Musicalbuch dagegen wirkt oft gesucht oder einfach platt.
Das Stuttgarter Ensemble singt durchweg mit starken Stimmen, hervorragend begleitet durch die Band unter Leitung von Boris Ritter und eine glasklare Tontechnik. Als Julia ersetzt Sebeya alias Rita Sebeh Jung-Mädchen-Charme durch taffen Trotz, als Romeo trifft Jonathan Guth die im Musical beabsichtigte Darstellung als dümmlicher Schönling sehr gut. Jacqueline Braun ist eine ursympathische Amme, angeschwärmt mit hübschem französischem Akzent von Carlos de Vries (Lance).
Als Julias genderfluide Freundin May bleibt Ibi trotz toller Stimme etwas blässlich, während Esmael Agostinho die Unsicherheit des jungen François fein herausspielt – etwa, wenn er aus purer Überwältigung heraus May küsst, ohne zu wissen, ob der Mensch vor ihm Mädchen oder Junge ist. Wirklich neu ist dieser Moment nicht, ein identischer Kuss war vor über 40 Jahren im Film „Victor/Victoria“ und später im gleichnamigen Musical am Broadway zu bewundern. Trotzdem schön, wenn man sich als Lovestory „ohne heteronormative Zwänge“ feiern kann.
Maximilian Mann versucht mit Witz, gegen das Klischee des alten weißen Mannes anzuspielen, in das der große William Shakespeare hier doch ein wenig gepresst wird. Er und Anne werfen sich ihre Pointen mit leichtem Timing zu. Sabrina Weckerlin surft als Referenz an die Spielstätte zuweilen hauchfein ins Schwäbische und spielt des Künstlers Ehefrau bodenständig, nahbar, echt. Ihre unglaubliche Interpretation von „That’s the Way It Is“ sorgt für eine der wenigen Stellen mit Herz in diesem emotionslosen Party-Abend.
Music Supervision: Bill Sherman • Musikalische Leitung: Boris Ritter • Regie: Luke Sheppard • Choreografie: Jennifer Weber • Bühne: Soutra Gilmour • Kostüme: Paloma Young • Sounddesign: Gareth Owen • Videodesign und Animationen: Andrzej Goulding • Mit: Sebeya (Julia), Sabrina Weckerlin (Anne Hathaway/April), Jacqueline Braun (Amme/Angelique), Maximilian Mann (William Shakespeare), Jonathan Guth (Romeo), Esmael Agostinho (François), Ibi (May), Carlos de Vries (Lance) u.a. • Band des Stage Palladium Theaters
Aufmacherfoto: Johan Persson




