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The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry

Spirituelle Reise im Folk-Gewand

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oRT
West End (Theatre Royal Haymarket)
von
Passenger (Musik und Liedtexte)
Jeremy Holland-Smith und Phil Bateman (Zusätzliche Musik)
Rachel Joyce (Buch)
Rachel Joyce, Peter Darling und Katy Rudd (Adaption)
Regie
Katy Rudd
Uraufführung
2025

„Harold Fry“ nimmt das Publikum mit auf eine ungewöhnliche Pilgerreise quer durch England 

Nach seiner erfolgreichen Uraufführung in Chichester ist das neue britische Musical „The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry“ seit Ende Januar im Londoner West End zu erleben. Im Zentrum der von Rachel Joyce gemeinsam mit Peter Darling und Katy Rudd verfassten Musicaladaption ihres Bestsellers steht der Rentner Harold Fry, der einen Brief von seiner im Sterben liegenden Freundin Queenie erhält. Harold schreibt eine Antwort, doch statt sie einfach in den Briefkasten zu werfen, macht er sich zu Fuß auf den Weg, um Queenie in einem Hospiz über 600 Meilen weiter nördlich zu besuchen. Auf seiner Wanderung, die sich mehr und mehr zu einer spirituellen Selbsterkenntnisreise entwickelt, trifft er auf Personen, die ihre Schicksale, Probleme und Hoffnungen mit ihm teilen – und Harold zwingen, sich mit seiner eigenen schmerzlichen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

In Joyces moderner Sinnsuche spielt der Wunsch, den kleinbürgerlichen Alltag hinter sich zu lassen und wieder eins mit der Natur zu sein, eine zentrale Rolle; die Geschichte fand bereits als Roman große Resonanz beim Publikum. Das liegt zum einen an den einfühlsam gezeichneten Charakteren, zum anderen an den anrührend-ehrlichen Emotionen, die Harolds Pilgerreise auslöst – aber auch an dem feinen Humor, der das ganze Stück durchzieht.

Die enge Verbindung Harolds mit der englischen Natur wird in der Musicaladaption prominent aufgegriffen: Die oft ruhig-nachdenklichen Songs des Folk-Musikers Passenger (Mike Rosenberg) erwachsen allesamt organisch aus der Handlung und sind größtenteils einem folkloristischen Klangidiom verpflichtet – obgleich einzelne Nummern wie das Gospel-inspirierte „Walk Upon the Water“ (mit kraftvoller Soulstimme von Nicole Nyarambi dargeboten) stilistisch auf bekannte Musicals Bezug nehmen.

Die von Harfen- und Fiddleklängen geprägte Partitur – mit Verve von einer siebenköpfigen Band unter Leitung von Chris Poon interpretiert – passt perfekt zur Ausstattung von Samuel Wyer. Auch diese orientiert sich bewusst an englischer Folklore (etwa die Kostüme, die immer wieder auf englische Volkstraditionen anspielen). Die Bühne selbst ist sparsam eingerichtet: Ein großer Kreis markiert die Spielfläche, der sich in einem weiteren Kreis, der das Proszenium einfasst, spiegelt – ein Symbol für die endlose Reise Harolds.

Mark Addy spielt die Titelrolle nahbar und verletzlich, ohne den subtilen Humor des Buches zu kurz kommen zu lassen. Zwar ist sein Gesangsanteil recht klein, seine emotionale Entwicklung stellt jedoch das Herz der Geschichte dar. Erfreulicherweise wird Maureen, Harolds zu Hause zurückgelassene Ehefrau, nicht zu einer Nebenfigur heruntergestuft, sondern bildet ein geerdetes Gegengewicht zu Harolds spiritueller Reise. Jenna Russell spielt sie über weite Strecken zurückhaltend-distanziert, wodurch ihre emotionalen Ausbrüche noch stärker unter die Haut gehen. Ihre Songs „Tin of Soup for One“ und „Such a Simple Thing“ zählen zu den eindringlichsten Momenten des Musicals.

Die dritte Hauptrolle des Stücks bildet der von Noah Mullins verkörperte mysteriöse Balladeer, der zunächst als Erzählerfigur (mit Ähnlichkeiten zu „Pippin“) fungiert. Im zweiten Akt entpuppt er sich als Harolds Sohn, der als Geist in dessen Gedanken weiterlebt. Mullins gelingt in seinem Spiel ein wunderbarer Spagat aus enigmatischem Spielleiter und rebellischem Teenager, während seine folkig-raue Stimmfarbe bestens zum musikalischen Duktus der Show passt.

Auch die weiteren Mitglieder des Ensembles sind bis zur kleinsten Nebenrolle perfekt besetzt. Regisseurin Katy Rudd gelingt es, sowohl in den quirligen Massennummern (Choreografie: Tom Jackson Greaves) als auch in den intimen Soloszenen stets die richtige emotionale Balance zu finden, ohne dass das Tempo der Inszenierung je abfällt. So entsteht ein stimmungsvoll-spiritueller Abend, der selbst einer Pilgerreise gleicht – eine Erfahrung, die noch lange nachhallt.


Music Supervision: Phil Bateman • Musikalische Leitung: Chris Poon • Regie: Katy Rudd • Choreografie: Tom Jackson Greaves • Ausstattung: Samuel Wyer • Licht: Paule Constable • Sounddesign: Gareth Tucker for Autograph • Videodesign: Ash J Woodward • Illusionist: Chris Fisher • Dramaturgie: Nick Sidi • Mit: Mark Addy (Harold Fry), Jenna Russell (Maureen Fry), Noah Mullins (The Balladeer), Craig Armstrong (Rich), Jenna Boyd (Sister Philomena/Farmer’s Wife/Rita), Daniel Crossley (Silver Haired Gentleman/Napier), Ross Dawes (Rich), Nell Martin (Young Maureen/Deliveroo/Kind Customer), Nicole Nyarambi (Garage Girl), Peter Polycarpou (Rex), Gleanne Purcell-Brown (Kate/Betsy), Ashley Samuels (Wilf/Jim), Maggie Service (Queenie Hennessey/Fairy Assistant/Gorilla), Timo Tatzber (Dog/Young Harold), Madeleine Worrall (Martina/Locum) u.a.

Aufmacherfoto: Tristram Kenton

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