Luzerner Theater My Fair Lady Klaus Broemmelmeier Elena Dietrich Musical Factory Foto Ingo Hoehn | MUSICAL TODAY

My Fair Lady

Ein Klassiker blüht neu auf

qi addons for elementor placeholder | MUSICAL TODAY
Venue
Luzerner Theater
by
Frederick Loewe (Musik)
Alan Jay Lerner (Buch und Liedtexte)
Robert Gilbert (Deutsche Fassung)
Direction
Sonja Trebes
World premiere
1956

„My Fair Lady“ findet mit Sprachwitz, Originalität und einer starken Eliza überzeugend ins Heute

Wie lässt sich ein Musicalklassiker aus den 1950ern „entstauben“ und näher an die Gegenwart bringen? Am Luzerner Theater liefert Regisseurin Sonja Trebes darauf eine überzeugende Antwort. Im Zentrum steht nach wie vor die Frage, wie sehr Sprache gesellschaftliche Zugehörigkeit bestimmt. Dafür findet die Inszenierung eine gelungene Lösung: Eliza und ihr Umfeld sprechen Schweizerdeutsch, die Oberschicht Hochdeutsch, am noblen Ascot-Pferderennen zusätzlich begleitet von exaltierten Handzeichen. So funktioniert der ursprüngliche Sprachwitz im Schweizer Kontext hervorragend. Trebes erzählt in ihrer Inszenierung eine Geschichte der Selbstermächtigung: Am Ende besitzt Eliza ihren eigenen Blumenladen und dreht den Spieß genüsslich um, indem sie dem Phonetikprofessor beibringt, „Chuchichäschtli“ korrekt auszusprechen.

Mit Elena Dietrich ist Eliza hervorragend besetzt. Natürlich, authentisch und selbstbewusst zeichnet sie eine junge Frau, die weiß, was sie will und sich trotz ihrer Verwandlung nicht verbiegen lässt. Dazu kommt ihre wunderschöne, wandlungsfähige Stimme. Klaus Brömmelmeier gestaltet Higgins überzeugend: Anfangs selbstherrlich und streng, wird er zunehmend linkisch und hilflos angesichts einer Gefühlswelt, die ihn sichtlich überfordert. Seine schöne Stimmfarbe kommt allerdings stellenweise gegen das Orchester zu wenig zur Geltung. Vladyslav Tlushch gibt einen souveränen Pickering, Eyrún Unnarsdóttir eine warmherzige und humorvolle Mrs. Pearce. Robert Maszl überzeugt als Freddy mit wunderschönem Tenor und komödiantischem Talent, während Flurin Caduff Alfred Doolittle mit viel Spielfreude gibt.

Der Opern- und Extrachor unter Leitung von Manuel Bethe ist einer der ganz großen Glanzpunkte dieser Produktion. Gesanglich hervorragend, beweist er zugleich enorme Bühnenpräsenz. Präzise ausgeführte Arm-Choreografien verleihen den Ensembleszenen Witz und eine ganz eigene Note.

Ein weiteres Highlight sind Anna Brandstätters Kostüme. Die gesellschaftlichen Milieus werden deutlich voneinander abgesetzt: individuelle, erdige Alltagskleidung hier, fantasievolle Eleganz samt ausgefallenen Hutkreationen dort. Elizas Blumenmotive entwickeln sich vom schlichten Overall bis zum extravaganten, farbenprächtigen Ballkleid. Beim Diplomatenball wird sie zur Lichtgestalt und zum lebendigen Gegenpol der Gesellschaft, deren elegante Kostüme von transparentem grauem Stoff überlagert sind. Ein starkes Bild: Während die Adligen unter einem Schleier erstarren, setzt Eliza mit Farbe und Lebendigkeit einen markanten Kontrapunkt. Und: Während sie in den Kostümen zur strahlenden Blume wird, entwickelt sich Higgins’ Kostüm allmählich Richtung Gänseblümchen.

Auch Marialena Lapatas Bühnenbild überzeugt. Eine schwarze, von unregelmäßigen Öffnungen durchbrochene Wand wird immer wieder zum Bilderrahmen für einzelne Ensemblemitglieder. Ein zentraler, LED-gerahmter Rundbogen mit transparentem Vorhang verwandelt sich vom Higgins’schen Sprachlabor über gesellschaftliche Schauplätze bis zu Elizas Blumenladen. Im üppigen Schlussbild erobern Pflanzen, Blumen und Blütenprojektionen von Rebecca Stofer den Raum. Susanne Reinhardts Licht setzt immer wieder effektvolle Akzente und die Choreografien von Luca Signoretti fügen sich organisch in das Geschehen.

Daneben beweist die Inszenierung Sinn für skurrilen Humor: Beim Pferderennen schieben zwei Jockeys Kinderfahrräder über die Bühne, an deren Seite jeweils ein hölzernes Pferd montiert ist. Eine herrlich eigenwillige Inszenierung des Ascot-Spektakels. Ein weiteres Highlight ist die Choreografie rund um Mrs. Higgins’ nie enden wollende Krawattenlieferungen.

Den beschwingten Klangteppich legt das Luzerner Sinfonieorchester unter Leitung von Jonathan Bloxham: facettenreich, kraftvoll und mit einer orchestralen Wucht, die Loewes Partitur glänzen lässt. So entsteht ein musikalisch wie visuell gelungener Abend, der „My Fair Lady“ mit wunderbarer Leichtigkeit einen großen Schritt näher an die Gegenwart bringt.


Musikalische Leitung: Jonathan Bloxham • Regie: Sonja Trebes • Choreografie: Luca Signoretti • Bühne: Marialena Lapata • Kostüme: Anna Brandstätter • Licht: Susanne Reinhardt • Video: Rebecca Stofer • Chorleitung: Manuel Bethe • Dramaturgie: Corinna Tetzel • Mit: Klaus Brömmelmeier (Prof. Henry Higgins), Elena Dietrich (Eliza Doolittle), Flurin Caduff (Alfred P. Doolittle), Vladyslav Tlushch (Oberst Pickering), Robert Maszl (Freddy Eynsford-Hill), Eyrún Unnarsdóttir (Mrs. Pearce), Fabian Meinen (Jamie u.a.), Jan Veljak (Harry u.a.) u.a. • Opern- und Extrachor sowie Statisterie des Luzerner Theaters • Luzerner Sinfonieorchester • Kooperation mit der Musical Factory Luzern

Aufmacherfoto: Ingo Hoehn

Spielorte

Archive