
„Die Schöne und das Biest“ zwischen Kitsch und Tempo-Feuerwerk
„Es war einmal in einem fremden Land …“ – so beginnt Disneys Musicalerfolg. 31 Jahre nach der deutschsprachigen Erstaufführung kehrt die temporeiche (Neu-)Adaptierung ans Wiener Raimund Theater zurück. Regisseur und Choreograf Matt West erzeugt mit zauberhafter Märchen-Romantik und der Zähmung eines pfauchenden, unnahbaren „Monsters“ durch eine emanzipierte und stets abenteuerlustige Frauenfigur eine sehenswerte Familien-Show.
In Sekunden verändert sich das aufwendige Bühnenbild (Stanley A. Meyer) mit oft verblüffenden Effekten zwischen dem Zuckerhäuschen-Märchendorf, wo Belle lebt, und einem „spätgotischen Barock-Zauberschloss“, wo eine sehr dunkle, triste und kalte Atmosphäre auf üppig-goldene Rokoko-Möbel und ausladende Fresken trifft. Im schaurigen Wald, wo sich Belles Vater (schrullig: Oliver Huether) mit seiner neuesten Erfindung, einem „Langstrecken-nie-wieder-laufen-müssen-Gefährt“ (= fahrender Holzsessel auf vier Rädern mit Sonnenschirm), verirrt, zeigen schattige Wolfsbestien bedrohlich ihre scharfen Zähne.
Beeindruckende Höhepunkte sind die fantastisch choreografierten Tanz-Szenen wie bei „Sei mein Gast“ in der Schlossküche, wo das Ensemble mit den Solisten Revue-ähnlich auftanzt und Passagen aus „A Chorus Line“ imitiert. Ebenso gelingt die tänzerische Sequenz in der Taverne, wo sich der gedemütigte Gaston anhimmeln lässt, mit einheitlicher Leichtigkeit und gelungenem Können. Detailverliebt und atemberaubend schön verzaubern die opulenten Kostüme von Ann Hould-Ward: Das traumhafte, gelbe Ballkleid der Titelfigur löst begeistertes Staunen aus.
Szenenfotos mit Marlene Jubelius als Belle und Aaron Grubbauer-Fourmanov als Tassilo
Mit Lesebrille und Liebe zu „Büchern ohne Bilder“ wird Belle von den Dorfbewohnern als seltsam angesehen, kann aber durchs Vorlesen Vertrauen und Liebe des Biests gewinnen – zwei einsame Außenseiter vereint in der Bibliothek, wo sie lernt, dass Schönheit von innen kommt und man sich nicht von einer furchterregenden Fassade abschrecken lassen soll. Faye Bollheimer wirkt in der besuchten Vorstellung stets entzückend und verfügt über eine jugendliche Stimme mit ansprechender Höhe. Das brutale, vorerst respektlose und unfreundliche Biest soll sich wie ein Gentleman verhalten, was mit Prothesen im Gesicht und gehörnt gar nicht so einfach zu sein scheint. Stimmlich nicht allzu kräftig – im Widerspruch zum massigen Körper in enger roter Lederjacke mit „tierischen Muskeln“ –, kann Dominik Hees innig das Zerbrechliche der Figur herausarbeiten.
Für viele humoristische Momente sorgt das ausgezeichnet agierende Personal von „Eurer Lordschaft“. Sie schaffen es mit Witz und vollem Körpereinsatz, dass die von ihnen dargestellten Gegenstände lebendig und liebevoll-menschlich wirken. Kerzenständer Lumière (Simon Stockinger) agiert äußerst charmant, setzt magische Akzente mit seinen Pyrotechnik-Händen und steppt mit gekonnter Leichtigkeit. Ebenso zeigt Mathias Schlung als ängstlicher Herr von Unruh Steppeinlagen und fühlt sich als ehemaliger Hofmeister noch immer für alles im Schloss verantwortlich. Wietske van Tongeren gibt die optimistische, warmherzige Teekannen-Mutter Madame Pottine und präsentiert den bekannten Titelsong wunderschön, während sich das Paar bei Vollmond tanzend näherkommt.
Als selbstverliebter Gockel und Spukturnier-Gewinner gestaltet Roy Goldman seinen unsympathischen Macho Gaston mit enormer Bühnenpräsenz, Spielfreude und schwungvoll-tänzerischem Elan. Immer mit blinder Loyalität und Einsatzfreude an seiner Seite der tollpatschige Lefou, brillant von Linus Al Baroffio dargeboten – keiner fällt so leichtfüßig.
Die Glitzer-Verwandlung begeistert zuletzt, als das Biest ehrlich geliebt wird und wie bei einer Zaubershow liegend in die Lüfte schwebt, um im hellen Scheinwerferlicht als ansehnlicher Prinz mit Belle zum Happy End anzustimmen. Manche eingängigen Melodien klingen bekannt nach anderen Musicalpassagen, werden von Michael Römer am Pult des Orchesters der Vereinigten Bühnen Wien aber sicher geleitet. „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“
Musical Supervision: Michael Kosarin • Musikalische Leitung: Michael Römer • Programmierung Elektronische Musik: Christoph Buskies • Regie und Choreografie: Matt West • Kampfregie: Rick Sordelet • Bühne: Stanley A. Meyer • Kostüme: Ann Hould-Ward • Haar- und Make-up-Design: David H. Lawrence • Licht: Natasha Katz • Videos und Projektionen: Darrel Maloney • Illusionen: Jim Steinmeyer • Sounddesign: John Shivers • Produktionskonzeption: Rob Roth • Mit: Faye Bollheimer (Belle), Dominik Hees (Das Biest), Roy Goldman (Gaston), Simon Stockinger (Lumière), Wietske van Tongeren (Madame Pottine), Mathias Schlung (Herr von Unruh), Linus Al Baroffio (Lefou), Oliver Huether (Maurice), Jana Stelley (Madame de L’Amour), Birgit Arquin (Babette), Valentin Kropfreiter (Tassilo), Rebecca Soumagné (Stimme der Erzählerin) u.a. • Orchester der Vereinigten Bühnen Wien
Aufmacherfoto: VBW/Deen van Meer




